Presse - Hilfe organisieren
Hilfe organisieren – als Lebensaufgabe
Einen Ausweg aus der Hoffnungslosigkeit schaffen
Brüggen (pm): Gerne führt Berti Russman ihre Besucher in den Keller, um ihnen dort das umfangreiche Lager zu zeigen, das sie für ihre „Kunden“ bereit hält. Das Lager besteht aus Waren, die aus den sogenannten Dritte – Welt – Ländern stammen. Kaffee, Tee, Schreibwaren und Kunstgegenstände sind in den verschiedenen Regalen gelagert. Sie stammen aus Produktionsstätten, in denen die Arbeiter einen fairen Preis für ihre Arbeit bekommen.
Fast jeden Tag kommen Besucher zu ihr in den Brachter Tulpenweg, um die Produkte des fairen Handels zu erwerben. Besonders freut es sie, dass die Martinsvereine auch bei ihr Geschenke bestellt haben, damit die Kinder neben Süßem auch andere praktische Dinge bekommen.
„Dabei wird der Gedanke des Teilens besonders deutlich,“ sagt sie und legt Bilder auf den Tisch, die „ihre Kinder“ in El Salvador zeigen. Sie spielen im Abfall der Müllhalden, leben in Hütten aus Pappe und sind in dieser menschenfeindlichen Umgebung allerlei Krankheiten ausgesetzt. So war es zumindest vor 20 Jahren als Berti und Bernhard Russmann auf diese Kinder aufmerksam wurden. Sie besuchten ihren Sohn Hans, der damals Kaplan in St. Pius, Krefeld war. Dort lernten sie eine Gruppe kennen, die Pater Jerry (Gerhard Pöter) in El Salvador unterstützte. Er hatte ein Haus erworben und wollte eine Schule einrichten, für die Kinder, die in den Slums auf der Müllhalde lebten. Für die Russmanns war 1987 sofort klar, dass das ihre Aufgabe war. Sie wollten helfen und begannen den Handel mit Produkten aus Dritte – Welt – Ländern. Da sie das aber nicht als Privatleute konnten, führten sie ihre Arbeiten im Rahmen der Brachter KAB – Gruppe durch. Schon bald sammelte sich ein umfangreiches Warensortiment an. „Mein Mann hatte immer Sorgen, dass wir auf den Waren sitzen blieben“, erinnert sich die Fünfundsiebzigjährige, „er mahnte dann zur Zurückhaltung, aber ich sah das Ganze optimistischer und habe Recht behalten.“ Jedes Jahr konnten sie eine beträchtliche Summe an Pater Jerry überweisen. In einem Zeitungsartikel ist zu lesen: „Bei der KAB Versammlung staunten die Anwesenden, dass der Eine-Welt-Laden eine Spende von 30 000 DM nach El Salvador schicken konnte.“
Wenn sie heute Bilanz zieht, dann sind es gut 250 000 Euro, die in den zwanzig Jahren durch ihren Laden und durch Spenden nach El Salvador flossen. „Da fallen keine Nebenkosten an, alles was wir erwirtschaften, kommt auf direktem Weg als Hilfe an.“ Pater Jerry konnte inzwischen viele Wünsche erfüllen. Die Häuser aus Pappe und Lumpen sind durch Steinhäuser ersetzt worden. Die Müllhalde konnte zwar nicht abgetragen werden, aber nun gibt es dort geordnete Passagen und Abwasserkanäle. Kindertagesstätten wurden eingerichtet und dort gibt es für alle Frühstück und Mittagessen. Eine Schule unter freiem Himmel entstand, als freies Angebot für die noch Unentschlossenen. Die Kinder können dorthin kommen, wann sie möchten und sie sagen, was sie lernen wollen. Pater Jerry hat Lehrer ausgebildet, die sich entsprechend vorbereiten. Zusätzlich gibt es noch zwei feste Schulen. „Wir haben vorhin über Geld gesprochen,“ meint Berti Russmann, „das ist die eine Seite, die aber nötig ist, damit Hilfe geleistet werden kann. Wichtiger ist mir, dass diese Menschen sehen, dass es aus der Hoffnungslosigkeit einen Ausweg gibt.“ Gerne zeigt sie die bunten Kreuze, die dort gefertigt werden: „Jedes ist ein Unikat!“ Mit kräftigen Farben stellen die Einheimischen ihr Leben dar oder bringen Bilder aus ihrer religiösen Vorstellung auf die Holzleisten.
Bei diversen KAB – Bezirkstagungen hat Russmann über ihren Eine – Welt - Laden referiert. „Ich hoffe, dass ich noch so fit bleibe, dass ich das noch einige Jahre machen kann.“ Seit letztem Jahr, ihr Mann verstarb zum Jahresende hin, ist sie dafür allein zuständig. „Aber es gibt auch einige, die mir helfen, beim Schriftkram, oder bei den Basaren und Ausstellungen. Aus dem Brachter Familienkreis bekomme ich Hilfe und vielleicht gibt es aus dieser Gruppe auch irgendwann einmal eine Nachfolgerin.“

